ANI TSALAGIHI AYELI – Das Volk und die Nation der Cherokee

von Mike Austin

„Die cherokesische Vision der Erde, des Universums, der Vergangenheit und der Zukunft ist ein ewigwährender Kreis. Was heute wahr ist und was noch vor uns liegt ist Teil eines unendlichen verschmolzenen Bandes, an dem die Vergangenheit ebenso lebendig ist wie die Gegenwart. Heute haben wir den gebrochenen Kreis wieder geschlossen, nicht nur für uns und unsere Kinder, sondern für die nächsten sieben Generationen. Dies entspricht unserem Sinn für eine immerwährende Gemeinschaft, der mit dem Leitspruch der Cherokee Nation ‚Danita ga‘ – ‚Wir stehen zusammen, wir sind eins‘ ausgedrückt wird. Mit der Unterzeichnung des historischen ‚Self-Governance Agreement‘ (1990) zwischen den USA und der Cherokee Nation hat das cherokesische Volk wieder das Recht, über sein eigenes Schicksal zu bestimmen, zurückgewonnen.“John Ketcher, Cherokee Nation – Parlamentsabgeordneter, Vize-Principal Chief 1989 – 99
Cherokee Nation in Oklahoma

Die Cherokee sind mit 280 000 Menschen das zweitgrößte Indianervolk in Nordamerika, das größte ohne Reservat. Die Cherokee Nation (CN) umfasst mit 18 200 km2 ein Gebiet im Nordosten Oklahomas, das als eine sogenannte “Jurisdictional Service Area” verwaltet wird – eine rechtliche Konstruktion, die vom US-Kongress per Self-Governance Act als “Zuständigkeitsgebiet einer (autonomen indianischen) Gerichtsbarkeit” eingerichtet wurde.

Die Cherokee Nation (CN) im Norden Oklahomas

Die Hauptstadt der modernen CN ist Tahlequah, eine Stadt mit 20 000 Einwohnern, die 1839 im Herzen des Cherokee-Landes gegründet worden war. Heute ist Tahlequah das Zentrum einer pulsierenden Struktur, von der aus ein Netz an politischer Verwaltung, Wirtschaft, Bildung und sozialmedizinischer Versorgung verwaltet wird.
Zum Ursprung des Namens “Cherokee” gibt es eine Vielzahl an Theorien. Am wahrscheinlichsten ist wohl, dass “Cherokee” eine moderne Form der archaischen Eigenbezeichnung “AnTschiro-ki” ist und in einem ausgestorbenen Dialekt “Feuervolk” bedeutet. Heute nennen sich die Cherokee selbst “Ani Tsalagi” – “Die Menschen der Cherokee” und ihre Nation ist “Tsalagihi Ayeli” – “Das Land der Cherokee”.
Die Cherokee hatten seit mythologischen Urzeiten im Gebiet der südlichen Appalachen-Berge im Südosten Nordamerikas gelebt, als sie 1540 zum ersten Mal mit den EuropäerInnen konfrontiert wurden. Der Spanier Leonardo de Soto berichtete an die spanische Krone, dass die Cherokee in einem Staatswesen lebten, das aus einer Föderation gleichberechtigter Orte bestand. Ihre Gesellschaft war matrilinear ausgerichtet, ihre Wirtschaft bestand hauptsächlich aus dem Anbau von Mais, Kürbis und Bohnen. Außerdem unterhielten die Cherokee ein weitläufiges Handelsnetz, und ihre Holzschnitzerei, Korbflecht- und Töpfereikunst waren hochentwickelt. Ihre Religion lehrte  ein Schöpferwesen, dessen Geist die Welt durchdringt und mit Heiligkeit beseelt.
Intensiver und dauerhafter Kontakt etablierte sich erst am Ende des 17. Jahrhunderts, als sie formelle Handelsbeziehungen mit den englischen Kolonisten eingingen. 1730 besuchte eine Cherokee-Delegation Großbritannien. Dabei wurde ein Handelsabkommen vereinbart, mit dem gleichzeitig ein diplomatischer Austausch zwischen London und der Cherokee-Hauptstadt Itsati beschlossen wurde. 1738 dezimierte eine Pockenepidemie die Cherokee-Bevölkerung um die Hälfte. In den Jahrzehnten danach wurden sie von den vordringenden Siedlern zunehmend und massiv bedrängt. Schließlich gingen die Cherokee während des amerikanischen Unabhängigkeitskrieges eine militärische Allianz mit Großbritannien ein. Nach der Gründung der USA rächten sich die Amerikaner mit gezielten Völkermordkampagnen, die zwei Drittel der Cherokee-Siedlungen und ihrer BewohnerInnen auslöschte. Im Zuge dieses Völkermordes verloren die Cherokee schließlich 80% ihrer traditionellen Landbasis. 1783 wurden sie erneut von einer zweiten verheerenden Pockenepidemie heimgesucht, womit auch die uralte Ordnung der Cherokee-Welt für immer verschwand.
Trotzdem stand an der Schwelle des 19. Jahrhunderts die CN den USA als wirtschaftlich außerordentlich gesundes Staatswesen mit höchster Prosperität gegenüber. Sie besaß außerdem ein gutorganisiertes Schulsystem und gründete 1825 eine Nationalakademie. Wie kein anderes Volk nutzten sie den zivilisatorischen und technischen Fortschritt der EuroamerikanerInnen und machten sich mit atemberaubender Schnelligkeit damit vertraut. Nicht zuletzt bescherte ein eigenes Alphabet den Cherokee einen überlebenswichtigen Vorteil.

Principal Chief Sequoyah

Chief SequoyahDer Cherokee-Rechtsanwalt, Silberschmied und spätere Principal Chief Sequoyah hatte die grundlegende Wichtigkeit einer geschriebenen Sprache erkannt und die Vorteile, die dieses Wissen mit sich brachte. Nach jahrelanger Arbeit stellte er dem Cherokee-Parlament ein Silben-Alphabet vor, mit dem die Cherokeesprache mit 85 Buchstaben ausgedrückt werden konnte.
Innerhalb weniger Jahre konnten nahezu alle Cherokee in ihrer Sprache lesen und schreiben. Zur gleichen Zeit waren lediglich 30% der EuroamerikanerInnen des Lesens und Schreiben kundig. 1828 wurde der “Cherokee Phönix”, eine der ersten zweisprachigen Zeitungen Amerikas, erstmals herausgegeben. Sie ist nach nahezu 180 Jahren weiterhin das wichtigste Informationsmedium der Cherokee.
Die Cherokee hatten gehofft, dass sie als ein moderner Staat, der anderen in keiner Weise nachstand, in ihrer traditionellen Heimat weiterleben könnten. Daher fühlten sie sich vom Indian Removal Act von 1830 nicht betroffen. Die gewaltsame ethnische Säuberung im Winter von 1838-39 mündete in eine nationale Katastrophe, die die Cherokee an den Rand ihrer Existenz als Volk bringen sollte. Auch eine Klage der Cherokee gegen die USA, die vom Obersten Gerichtshof  der USA bestätigt worden war, machte keinen Unterschied. So kamen im Spätsommer 1838 US-Soldaten in die CN, um sie illegal und endgültig zu erobern. Die überlebenden Cherokee wurden zusammengetrieben und in Konzentrationslagern erfasst, bis sie am 25. Dezember des gleichen Jahres in einem Gewaltmarsch in das Indianerterritorium (IT) gebracht wurden. Die bereits stark geschwächte Bevölkerung war dieser dramatischen Anstrengung mitten im Winter kaum mehr gewachsen und so kamen auf dem Weg 25% der Betroffenen um. Im IT angekommen starben viele mehr an den Folgen dieses Todesmarsches, der als “Trail of Tears“ (Weg der Tränen) der Cherokee bekannt ist. Die Cherokee selbst nennen diese Tragödie “Nuna da’ul Tsuni – Der Weg, auf dem wir (in Empörung) schrieen”.
Aufgrund des Versprechens der USA, dass sie hier fortan unbehelligt leben könnten, gingen die Cherokee daran ihre Nation wieder aufzubauen. Ironischerweise gilt diese Zeit bis zum US-Bürgerkrieg und dem Allotment Act, der die CN vorübergehend aufgelöst hatte, als das “Goldene Zeitalter der Cherokee”. Bereits im ersten Jahr ihrer Ankunft im IT errichteten sie wieder ihre nationalen und gesellschaftlichen Strukturen, um für sich eine lebenswerte Existenz aufzubauen. Dafür zeigten die Amerikaner in ihrem nationalen Bestreben, den Kontinent von Küste zu Küste zu erobern, wenig Verständnis oder Toleranz. So verloren die Cherokee am Ende des 19. Jahrhunderts wieder alles, das sie aufgebaut hatten, an den neuen Bundesstaat Oklahoma.
Wie viele andere indigene Völker hielten die Cherokee gegen den Willen des BIA im Untergrund illegale Verwaltungsstrukturen aufrecht. So wurde 1948 eine Konferenz aller Cherokee-Führer einberufen, um Strategien zum Fortbestand der Nation und des Volkes zu diskutieren. Dies war ein erster Schritt zur Erarbeitung von Strategien für das nächste Jahrtausend. In der Folge urgierten die Cherokee vom BIA die Unterstützung und Finanzierung einer Fabrik für Haushaltsgeräte, und es war ihnen möglich, den Umsatz in wenigen Jahren auf 1 Mill. US-$ zu steigern. Dies war die finanzielle Grundlage für eine Reihe von Klagen gegen die USA, die in den Jahren danach 800 Mill. US-$ an Wiedergutmachungsgeldern für verlorene Länder zwischen 1838 und 1907 einbrachten. Mit diesen Geldern war es den Cherokee abermals möglich Strukturen zu errichten, die die Basis der heutigen modernen CN sein würden. So wählten ab 1974 auch die Cherokee im Zuge der liberaleren US-Indianerpolitik wieder eigene Führer und ein “Stammes”-Parlament.  Mit dem Wissen, dass eine erfolgreiche Wirtschaft wesentlich ist, um in den Realitäten der amerikanischen Anforderungen zu bestehen, verfolgten sie eine Vielzahl von ökonomischen Initiativen, durch welche qualitativ hochwertige Bildungs- und sozialmedizinische Angebote bereitgestellt werden.
Heute erwirtschaftet die CN einen Jahresbruttoumsatz von 500 Mill. US-$ und ist damit die größte Arbeitsgeberin in Nordost-Oklahoma sowie in den angrenzenden Regionen. Dies ermöglicht ein breites Angebot an Programmen, die eine besondere Lebensqualität und kulturelle Sicherheit in der überwältigend dominanten amerikanischen Gesellschaft zulassen.
Besonders Principal Chief Wilma Mankiller (1986-95) hat mit ihrem engagierten Einsatz wichtige Umbrüche herbeigeführt. Es gelang ihr eine zunehmende Unabhängigkeit von US-Geldern zu erreichen. Mit ihrer erfolgreichen Regierungstätigkeit, die übernationale Anerkennung fand, hat sie auch den Cherokee-Frauen ein neues Selbstverständnis aufgezeigt, das immer ein wesentlicher Bestandteil der Cherokee-Identität gewesen war.

Wilma Mankiller

Unter Chief Mankiller kam auch das Self-Governance Agreement von 1990 zustande und wurde unterzeichnet. Zudem wurden während ihrer Amtszeit die ausstehenden Klagen mit der US-Regierung zu Ende gebracht und Wiedergutmachungsgelder ausbezahlt.  Wilma Mankiller
Besonders in den 1990er Jahren, als die Anstrengungen der Jahrzehnte zuvor zu greifen begannen, erlebten die CN und das Cherokee-Volk einen substantiellen Aufschwung, der sie mit besonderer Zuversicht in das 21. Jahrhundert getragen hat. Die bereits in den 1950er Jahren begonnene Haushaltsgeräteproduktion stellte die Grundlage der heutigen Cherokee Industries dar, die in breitgefächerte Branchen gegliedert ist, vor allem in Bereiche wie Elektronikmontage, Draht- und Fasereroptikkabelerzeugung sowie medizinische, bau- und umwelttechnologische Dienstleistungen. 2002 errichtete die CN eine Produktionsstätte für Kücheneinrichtungen, die national vertrieben werden.
Im Zuge der zunehmenden Diversifizierung der Cherokee-Wirtschaft wurde in den 1990er Jahren auch Cherokee Enterprises gegründet, um andere Wirtschaftsunternehmen professionell zu verwalten. Cherokee Enterprises betreibt Kasinos, gastgewerbliche Unternehmen, wie Hotels und Restaurants, Lebensmittelgeschäfte und Geschenksartikel-, Rauchwaren- und Tankstellen, sowie die Vergabe eigener Autonummertafeln. Auch kulturtouristische Initiativen, wie ein Museumskomplex und ein Theater, auch mit internationalen Aufführungen, sind im Programm. Ebenfalls unterhält die CN ein weitflächiges Netz an eigenen Wohneinrichtungen für ihre BürgerInnen, das sich zu einem eigenen Wirtschaftszweig entwickelt hat und Arbeitsplätze und Einkommen erzeugt.
Im Zuge der Wiedergutmachungsklagen wurde der CN auch der Besitz eines 120 km langen Abschnitts des Arkansas-Flusses zuerkannt. In den 1970er Jahren wurde dieser für Ozeanschiffe ausgebaut und in Partnerschaft mit Oklahoma ein Binnenmeereshafen bei Tulsa errichtet. Zur gleichen Zeit baute die CN ein eigenes Stufenkraftwerk, das heute ihren Energiebedarf weitgehendst abdeckt. Außerdem stellen die Erträge von Öl- und Mineralvorkommen entlang des Flusses weiteres Einkommen zur Verfügung. Schließlich erwarb die CN wieder die Aktienmehrheit der Bank von Tahlequah, um die eigenen Gelder zu verwalten und weiter zu investieren. So ist es der CN ebenfalls möglich geworden, günstige Kredite für private Geschäftsinitiativen ihrer BürgerInnen zu vergeben.
Ein wesentlicher Bestandteil der Cherokee-Strategien zur Gewährleistung einer bestmöglichen Konkurrenzfähigkeit der Nation und ihrer BürgerInnen ist ein Netz von zweisprachigen Bildungsstätten und sozialmedizinischen Einrichtungen. Die CN hat ab 1990 mit dem Self-Governance Agreement wieder vollständige Kontrolle über diese wichtigen Bereiche erlangt und betreibt eigene Schulen, Spitäler und Kliniken. Ihr wieder errichtetes Sozialsystem ist besonders bürger- und lebensnah sowie dem amerikanischen überlegen. Weiters stellt die CN einen Hauptpartner der Northeastern University in Tahlequah.
Die CN und ihre BürgerInnen sind eines der vielen Völker Oklahomas und Amerikas, das die Eroberung und den Völkermord der USA nicht nur überlebt, sondern für sich einen lebenswerten Fortbestand gefunden hat. In der Legislaturperiode 2002 formulierten das Cherokee-Parlament und der amtierende Principal Chief Chad Corntassel Smith (1999-) einen 100-Jahres-Plan, der weitere Strategien festlegt, um die uralten Visionen für die kommenden Generationen zu erfüllen. Wie ihr mythologischer Phönix sind die Cherokee aus der Asche wiedererstanden, um in der ewig währenden Gemeinschaft des Heiligen Kreises weiterzubestehen. Danita ga.
Internetadressen für mehr Informationen und Bilder:

Homepage der Cherokee Nation
Homepage des Cherokee-Stammes in North Carolina
Mehr Informationen über die Cherokee

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