40 Jahre Wounded Knee – 27.02.2013

Pressemitteilung:

40. Jahrestag der Besetzung von Wounded Knee -Indianer warten noch immer auf Gerechtigkeit

Am 27. Februar 1973 besetzten rund 200 Indianer die historische Stätte von Wounded Knee auf der Pine Ridge Reservation im US-Bundesstaat South Dakota. Die dort lebenden traditionellen Lakota-Indianer hatten die Aktivisten des American Indian Movement (AIM) um Hilfe gebeten, nachdem die Situation im Reservat immer unerträglicher wurde. Stammespräsident Dick Wilson, Vorsitzender einer Marionettenregierung am Gängelband Washingtons, hatte auf dem Reservat mit Hilfe einer eigenen Schlägertruppe, der „Goons“, ein korruptes Terrorregime errichtet, mit dem er den Protest von Traditionellen und Aktivisten gegen den Uranabbau auf ihrem Land und den Ausverkauf der Black Hills zum Schweigen bringen wollte. Rund 60 Aktivisten wurden in diesen Jahren von den Handlangern des Regimes ermordet. Pine Ridge ist noch heute der ärmste Bezirk der gesamten USA, die Arbeitslosigkeit liegt bei fast 80%, die Bevölkerung leidet unter miserablen Wohnverhältnissen, Krankheiten und Selbstmorden.
Wounded Knee ist ein Symbol für den amerikanischen Völkermord an den Indianern. 1890 wurden hier bei einem Massaker 300 wehrlose Indianer, darunter Alte, Frauen und Kinder, von der 7. Kavallerie brutal niedergemetzelt. Doch Anfang der 1970er Jahre wollten sich die Indianer nicht mehr kampflos ergeben. 1968 hatte sich unter dem Einfluss der Bürgerrechtsbewegung und der Anti-Vietnam-Proteste in Minneapolis das American Indian Movement gegründet. Insbesondere in den Städten sahen sich die dort lebenden Indianer nicht nur Armut und Elend ausgesetzt, sondern vor allem Diskriminierung, Rassismus und Polizeiwillkür. Viele dieser Indianer hatten für die USA in Vietnam gekämpft und wurden nach ihrer Rückkehr als Bürger zweiter Klasse behandelt. Es war Zeit zu handeln.
Nach der Besetzung von Alcatraz 1969 und dem Marsch nach Washington 1972 wollten sie nun in Wounded Knee ein Zeichen setzen. Ihre Botschaft war klar: Anerkennung ihrer Kultur, ihrer Landrechte und ihres Selbstbestimmungsrechts. Die Regierung in Washington sollte erkennen, dass der amerikanische Traum für die Indianer nur ein Albtraum war – und diese Botschaft ging in die ganze Welt.
Presse und Medien berichteten auch in Deutschland über diesen Aufstand der Indianer, die sich weigerten, ihre Traditionen und Kultur dem American Way of Life zu opfern. Die fast vergessenen Indianer machten plötzlich wieder Schlagzeilen.
Die Gegenseite reagierte mit Gewalt, Panzern, Helikoptern, FBI und Nationalgarde. 71 Tage verschanzten sich die Indianer in der alten Trading Post, bevor sie – ohne Nahrung und Munition – am 8. Mai 1973 aufgeben mussten. Zwei der indianischen Besetzer waren im Kugelhagel der Marshalls und Armee gestorben, und die Anführer, u.a. Dennis Banks und der Ende letzten Jahres verstorbene Russell Means wurden vor Gericht gestellt. Sämtliche Anklagen gegen sie endeten mit Freispruch. Doch in Pine Ridge gingen die Schläger der Stammesregierung weiterhin gegen Traditionelle und Aktivisten vor, und das FBI verschärfte seine Infiltrations- und Einschüchterungspolitik.

Ein Opfer dieser Politik ist Leonard Peltier, der 1977 aufgrund einer ungesetzlichen Auslieferung von Kanada an die USA, eines Prozesses voller Verfahrensfehler, gefälschter Zeugenaussagen und vom FBI geschwärzter Dokumente zu zwei Mal lebenslänglich für einen Mord an zwei FBI-Beamten verurteilt wurde, den er nicht begangen hat. Bis heute sitzt Leonard Peltier im Gefängnis. Trotz gravierender Gesundheitsprobleme kann der Aktivist, für den sich Menschenrechter in aller Welt eingesetzt haben, erst 2024 einen Bewährungsantrag stellen. Millionen Menschen haben Petitionen unterzeichnet, Amnesty International hat ihn als politischen Gefangenen anerkannt, und auch Persönlichkeiten wie Desmond Tutu oder Nelson Mandela haben sich für seine Freilassung eingesetzt. Wenn US-Präsident Barack Obama den internationalen Appell zur Begnadigung ablehnt, wird Peltier erst 2040 aus der Haft entlassen.
Die Besetzung von Wounded Knee mag gescheitert sein, doch sie setzte ein deutliches Signal, dass die Indianer nicht mehr bereit sind, die Missachtung ihrer Rechte widerstandslos hinzunehmen. Mit dem Protest wurde eine Dynamik in Gang gesetzt, die nicht nur dazu führte, dass inzwischen Indigene aus aller Welt sich gegen die Ausbeutung ihres Landes wehren und ihr Selbstbestimmungsrecht einfordern, sondern schließlich auch zur Verabschiedung der „Deklaration der Rechte der indigenen Völker“ durch die UN-Vollversammlung 2007.
1973 galt die Aufmerksamkeit der Weltöffentlichkeit einem kleinen Flecken in den USA – heute sorgen die Indigenen in Kanada für Schlagzeilen. Mit der Bewegung „Idle No More“ gingen in den vergangenen Wochen Hunderttausende auf die Straße und forderten ihre Rechte. Die Stimmen der Indigenen lassen sich nicht mehr ignorieren – weder in Ottawa noch in Washington.

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