Presseaussendung: 16 Tage gegen Gewalt an indigenen Frauen

1200 Indianerinnen in Kanada ermordet –
16 Aktionstage vom 25.November bis 10. Dezember

Europäische Unterstützungsgruppen machen innerhalb der „16 Tage gegen Gewalt an Frauen“ auf die tausenden ermordeten und verschwundenen indigenen Frauen in Kanada aufmerksam. An der  Aufklärung dieser Verbrechen wird nur schleppend gearbeitet.

Die 1991 ins Leben gerufene Kampagne macht im Zeitraum zwischen dem Internationalen Tag gegen Gewalt an Frauen am 25. November bis zum Tag der Menschenrechte am 10. Dezember auf die besondere Situation der Frauen weltweit aufmerksam.

Anlässlich dieser Aktionstage fordern Menschenrechts- und Unterstützungsorganisationen für die Rechte der Indigenen Völker die Regierung Kanadas auf, endlich die von 187 Staaten unterzeichnete UN-Konvention zur Abschaffung aller Formen der Diskriminierung gegen Frauen in die Tat umzusetzen, die in der UNDRIP (UN-Deklaration für die Rechte Indigener Völker) verankerten Rechte der indigenen Frauen zu verwirklichen und mit aller Entschlossenheit die Gewalt gegen (indigene) Frauen zu bekämpfen.

„Missing and murdered“ – Sisters in Spirit

Im Dezember 2014 entging Rinelle Harper nur knapp einem Mordversuch. Zwei Männer hatten ihr aufgelauert, sie schlugen sie fast zu Tode und warfen sie in den eiskalten Red River in Winnipeg – überzeugt, die junge Cree sei tot. Nur mit Mühe konnte sie sich schwer verletzt retten. Tina Fontaine hatte weniger Glück. Im August 2014 wurde die Leiche der 15-jährigen Indianerin der Sagkeeng First Nation aus dem gleichen Fluss gezogen – vergewaltigt und in einen Plastiksack verschnürt.

Das Beispiel zeigt nur zwei der zahlreichen Opfer. 1017 indigene Frauen wurden allein in den Jahren 1980 bis 2012 in Kanada ermordet, 164 Indianerinnen gelten als vermisst und 225 weitere Fälle sind ungeklärt. Diese schockierende Zahl dokumentierte die kanadische Bundespolizei RCMP (Royal Canadian Mounted Police) in ihrem Bericht vom Mai 2014, der ersten umfassenden Bestandsaufnahme seitens der Polizeibehörden. Seitdem sind fast täglich in ganz Kanada weitere Opfer zu beklagen.

2004 hatte erstmals die Native Women’s Association of Canada (NWAC) in ihrem Bericht „Sisters in Spirit“ das erschreckende Ausmaß der Gewalt an indigenen Frauen in Kanada an die Öffentlichkeit gebracht. Studien von Amnesty International, Human Rights Watch und weiteren Menschenrechtsorganisationen bestätigen die anhaltende Gewalt an indigenen Frauen. Die Vereinten Nationen haben die kanadische Regierung für deren Untätigkeit aufgrund dieser bestürzenden Situation wiederholt scharf kritisiert. Angesichts der Ignoranz und Untätigkeit gegenüber der Gewalt an indigenen Frauen verstößt Kanada gegen internationales Recht, u.a. gegen die UN-Deklaration für die Rechte Indigener Völker und die UN-Konvention gegen Gewalt an Frauen.

Diese Gewalt resultiert aus einer systematischen Zerstörung der indigenen Kulturen, welche Indianern fundamentale Bürger- und Menschenrechte verweigert. Die Indianergesetzgebung Kanadas maßt sich nicht allein an, zu bestimmen, wer als Indianer zu gelten habe, sondern schuf eine systematische Unterdrückung der indianischen Frauen, deren Konsequenzen bis ins 21. Jahrhundert wirken. Schon die Strukturen, die indigenen Gemeinden und Nationen aufgezwungen wurden, stehen in einem krassen Gegensatz zur der traditionell starken Rolle der Frau in den indigenen Gesellschaften. Die indigenen Frauen haben unter dem Erbe des Kolonialismus und der aktuellen Indianergesetzgebung doppelt zu leiden, denn sie werden sowohl als Indigene wie auch als Frauen diskriminiert. Indigene Frauen werden als „dreckige Squaw“ und „Freiwild“ wahrgenommen, deren Vergewaltigung oder gar Ermordung meist folgenlos bleibt.

Forderungen an die kanadische Regierung

Seit Jahren protestieren die Betroffenen gemeinsam mit Menschenrechtsorganisationen weltweit gegen diese Situation und fordern von der kanadischen Regierung die Einsetzung einer nationalen Untersuchungskommission, einer landesweiten Datenbank, um das Ausmaß der Gewalt an indigenen Frauen zu untersuchen und zu dokumentieren, und vor allem effiziente Maßnahmen zum Schutz der Frauen vor Gewalt – bislang ohne Erfolg.

Der neu amtierende Premier, Justin Trudeau, versprach nun umfangreiche Ermittlungstätigkeiten und Untersuchungen zu den zahlreichen ungeklärten Fällen. Es wird sich zeigen, inwieweit dies nun tatsächlich umgesetzt werden wird.

Bis dahin fordern Menschen- und Unterstützungsorganisationen weiterhin:
– einen sofortigen und umfassenden Aktionsplan gegen die Gewalt an indigenen Frauen
– grundlegende Verbesserung der Lebensbedingungen in den indigenen Gemeinschaften
– Einrichtung einer Sondereinsatzgruppe
– Einrichtungen zum Schutz der Frauen (z.B. Frauenhäuser)
– Finanzmittel für indigene Organisationen zur weiteren Dokumentation der Vorfälle
– Schaffung eines nationalen Registers der Fälle Konsequente Strafverfolgung der Täter
– Substantielle Mitwirkung der Indigenen bei allen Maßnahmen,  einschließlich der nötigen Finanzmittel

Mit einer außergewöhnlichen Aktion wollen Unterstützungsgruppen die Öffentlichkeit auf diese Situation aufmerksam machen:

1200 Paar Frauenschuhe sollen die Dimension der Gewalt an den indigenen Frauen verdeutlichen. Am 1. Dezember machte die Aktion Station auf dem Züricher Central (Schweiz), am 2 Dezember wurde die Aktion in der Schweizer Hauptstadt Bern präsentiert. Eindrücke dieser Aktionen können unter https://www.facebook.com/Indianer-Netzwerk-250652304992222/  eingesehen werden.

Für weitere Informationen und Interviews stehen wir gerne zur Verfügung.

Kontakt:
Michaela Mayer, Arbeitskreis Indianer Nordamerikas, Wien, info@arbeitskreis-indianer.at
Monika Seiller, Aktionsgruppe Indianer & Menschenrechte e.V., München, post@aktionsgruppe.de
Helena Nyberg, WILPF, Incomindios, Schweiz

Presseaussendung als .pdf

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