Das Elend der Attawapiskat (Kanada) und ein möglicher Ausweg

2016 gewann das Schicksal der Attawapiskat kurzzeitig Aufmerksamkeit in den Medien. Grund war eine beispiellose Selbstmordwelle. 101 Personen hatten innerhalb weniger Monate einen Selbstmordversuch unternommen – in einer Gemeinde von weniger als 2.000 Personen. Die meisten waren Jugendliche, unter ihnen Sheridan Hookimaw. Sie wurde nur 13 Jahre alt.

Szenenbild aus dem Film „Kiskenamahagewin (The Way of Learning)“

Ein hartes Leben im hohen Norden

Die Angehörigen der Attawapiskat First Nation leben im Norden von Ontario, in einem abgelegenem Gebiet mit subarktischem Klima, zwischen Attawapiskat River und der James Bay. Wenn man von den Lebensbedingungen in diesem Reservat erfährt, mag man das kaum glauben: Die Menschen leben auf engstem Raum in Hütten oder Containern, oft fällt die Stromversorgung aus. Die Jugendarbeitslosigkeit liegt bei 70 Prozent, viele haben angesichts mangelnder oder ungeeigneter Ausbildung für den Lebensalltag im hohen Norden kaum ökonomische Perspektiven – Jobs sind beschränkt und dennoch werden traditionelle Lebensweisen – ein Leben von und mit natürlichen Ressourcen aus der Umgebung – zunehmend abgelehnt.

Die lokale Gemeinschaft lebt in sogenannten „gemischten ökonomischen Verhältnissen“. Viele Mitglieder gehen noch der Jagd auf Karibus, Elchen und anderem Wild nach oder fangen Fische. Waren werden über einen lokalen Supermarkt eingekauft. Bezahlt wird mit Mitteln aus staatlichen Sozialförderungen oder aus diversen Geschäften, zum Beispiel mit Fellen, vermehrt aber auch durch den Verkauf von Alkohol und illegalen Drogen.

Die Jugend – gefangen zwischen zwei Welten

Bis in die 1990iger Jahre wurden Kinder den Eltern entrissen und in weit entfernte Internate gesteckt, die das Ziel der „Umerziehung“ hatten. Die Kinder wurden in den „Residental Schools“ ihrer Wurzeln beraubt. Es war bei Strafe verboten, die eigene Sprache zu sprechen, viele wurden misshandelt, viele sexuell missbraucht. Man nennt das „kulturellen Genozid“.

Dieses Trauma sitzt tief und prägt bis heute Lebensrealitäten von Individuen und Gemeinschaft in Attawapiskat. Die Jugendlichen schweben heute gleichsam zwischen den Welten – sie können den Anschluss an die eigenen Traditionen schwer finden und der Anschluss an die Welt der Weißen gelingt vielen ebenso nicht. Viele der jüngeren Generation interessieren sich immer weniger fürs Jagen, sondern ersehnen einen urbanen Lebensstil, verbunden mit der Ausübung bezahlter Arbeiten im Produktions- oder Dienstleistungssektor. Allerdings wirken Erfahrungen in größeren Städten wie Minneapolis sehr oft desillusionierend auf indigene Jugendliche, welche dort mit hartem Konkurrenzdruck und oft auch Rassismus zu kämpfen haben.

Gefangen zwischen zwei Welten und angesichts mangelnder Perspektiven zur persönlichen Verwirklichung, sehen so manche Jugendliche Selbstmord als letzten Ausweg und Protest an ihrer sozialen Lage.

Jackie Hookamaw-Witt

Jackie Hookamaw-Witt und Norbert Witt – Botschafter der Attawapiskat

Die Attawapiskat Jackie Hookamaw-Witt und ihr Ehemann Norbert Witt, ein gebürtiger Bayer, versuchen durch Öffentlichkeitsarbeit, Präsenz in sozialen Medien und auch persönlich durch Vorträge, Veranstaltungen und Vorlesungen an Universitäten auf die prekäre Situation der Attawapiskat aufmerksam zu machen. Die kanadische Regierung und zuständige Institutionen werden ihrer Meinung den vielseitigen Problematiken nicht gerecht.

Die beiden setzen sich außerdem für die Implementierung bzw. Durchsetzung strenger Umweltrichtlinien gegenüber dem lokal operierenden Mienenkonzern DeBeers ein. Dieser hat nachweislich die lokalen Flusssysteme aufgrund von unvorsichtiger Diamantgewinnung mit Quecksilber verunreinigt und damit die Fischpopulationen vergiftet.

Der Film: „Kiskenamahagewin (The Way of Learning)“

Anfang Juni präsentierten Jackie und Norbert ihren Film „Kiskenamahagewin (The Way of Learning)“ in Wien. Der Film spricht die triste Situation der Jugendlichen der Attawapiskat an und bietet gleichzeitig einen Ansatz in eine hoffnungsvolle Richtung an.

Es wird das kanadische Bildungssystem mit der früher üblichen traditionellen Ausbildung von Jugendlichen verglichen. Hier die theoretisch fundierte Ausbildung zur Integration in der Welt der kanadischen Mainstream-Gesellschaft, untergeordnet einer nationalen Identitätsbildung zur Vorbereitung auf den kapitalistischen Arbeitsmarkt. Dort die traditionelle Ausbildung über Selbsterfahrung und Lehren der Älteren, um in der Gemeinschaft ein wertvolles Mitglied zu werden und den eigenen Platz zu finden.

Im Film wird auch über erfolgreiche Vermittlung von traditionellem Wissen in Schulen berichtet. Eine Veränderung des Bildungssystems, welche indigenes Wissen und Traditionen mit einschließt, könnte indigenen Kindern Stolz und Wissen über die eigenen Wurzeln und eigene Identität vermitteln. So könnte mit dazu beigetragen werden, die Kluft zwischen den Welten, in welcher viele Jugendliche sich wieder finden, zu verringern.

Sheridan Hookimaw – Jackies Tochter – wäre dieses Jahr 15 Jahren alt geworden. Es ist zu wünschen, dass anderen Jugendlichen der Attawapiskat ein ähnliches Schicksal erspart bleibt.

Angelika Froech und Georg Bergthaler


Der Film „Kiskenamahagewin (The Way of Learning)“ ist auf Youtube zu sehen:
https://www.youtube.com/watch?v=qQXWiZawvRk

Jackie Hookamaw-Witt ist über Facebook und Twitter erreichbar:
https://www.facebook.com/jackie.hookimaw
https://twitter.com/muskegesko?lang=de

Jüngst engagiert sich Jackie sich für gleichberechtigte Versorgung indigener Kinder durch das kanadische Gesundheitssystem. Im Gegensatz zu kanadischen Kindern haben diese nur eingeschränkten Zugang zu ärztlicher Pflege und Medikamenten.
Hier der Link zu einer von Jackie promoteten Petition, die mittels Unterschriften Druck auf Entscheidungsträger und dadurch eine politische Veränderung in dieser Hinsicht erwirken möchte:
http://www.broadbentinstitute.ca/fn_chrt

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